Auseinandersetzungen als Chance

Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir in unserer Individualität andere Ansichten und Interessen haben als die Menschen, mit denen wir umgehen. Gelegentlich begegnen wir gleichgesinnten Menschen, teilen Interessen und Lebensentwürfe und haben das deutliche Gefühl der Gemeinsamkeit, was auch zu Verbindungen unterschiedlicher Intensität führen kann. In der Begeisterung über diesen Zustand (sei es Partnerschaft, in gemeinsamen Projekten, Freundschaften oder Liebe) vergessen wir regelmäßig eins, dass Menschen mit ganz unterschiedlicher Persönlichkeit zusammen gefunden haben. Damit ist klar, was passiert, wenn die ersten Unterschiedlichkeiten von Erleben und Ansichten auftauchen: Überraschung und Ratlosigkeit und in ihrer Folge Enttäuschung, Ärger und Frustration – also der „schönste“ Streit. Was hier eigentlich geschehen muss, ist nicht Streit, sondern eben Auseinandersetzung. Das kann man wörtlich nehmen, sich räumlich auseinander zu setzen und in dieser neuen Konstellation den Konflikt, die Unterschiedlichkeit neu zu betrachten und zu diskutieren. Das geht nicht gut, wenn die alte Nähe beibehalten wird. Wenn der Vorgang gelingt, rückt man wieder zusammen, aber in einer neuen Nähe, die neue Erfahrungen berücksichtigt und die dadurch stabiler ist.
So miteinander umzugehen bedarf bewusster Übung: Unsere Trainingserfahrungen von früher Kindheit an haben uns nicht gut vorbereitet, meistens ging es um Sieg oder Niederlage.
Ein Bewusstsein davon, dass aufgrund unserer Verschiedenheit Interessenkonflikte ganz natürlich sind , fehlt meist ganz. Auch die Enttäuschung darüber, dass die Harmonie ihre Grenzen hat, wird durch diese Überlegung nicht gemildert .
Psychologen sprechen hierbei von „narzisstischer Kränkung“.
Das ist keine klinische Diagnose und stempelt uns nicht als Neurotiker ab.
„Narzissmus“ meint nur, dass wir natürlich jeweils für uns im Mittelpunkt stehen.
Daraus ergeben sich Aufgaben, die wir mit uns selbst und mit anderen lösen müssen.

  1. Wir sind unterschiedliche Persönlichkeiten (Charakter, Temperamente etc).
  2. Diese Unterschiede führen selbstverständlich zu Meinungsverschiedenheiten im Umgang miteineinander.
  3. Diese unterschiedlichen Interessen und Meinungsverschiedenheiten müssen nicht automatisch im Streit münden.
  4. Sich auseinander–zusetzen (im wörtlichen und übertragenen Sinn) ist hier angebracht.
  5. Der andere hat genauso großes Recht auf seine Auffassung wie ich auf meine.
  6. Ich muss ihn nicht besiegen, sondern besser seine Erlebenswelt kennenlernen.
  7. Das heißt keineswegs, dass ich alles akzeptieren und mich unterordnen muss.
  8. Ich vertrete meine Interessen am wirkungsvollsten, wenn ich auf Wut, Enttäuschung und Aggressionen verzichte.
  9. Gemeinsam erarbeiten wir eine neue Lösung und ein neues Verständnis des Miteinanders (was auch bedeuten kann „auseinander gesetzt“ zu bleiben).
  10. Diese gemeinsame Übung erweitert unsere Persönlichkeit. Sie trainiert unser Gehirn, im emotionalen und im Verstandesbereich und macht uns fit für zukünftige Problemlösungen.